{"id":2884,"date":"2026-03-13T15:56:02","date_gmt":"2026-03-13T15:56:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weberlaw.de\/?p=2884"},"modified":"2026-04-15T16:38:27","modified_gmt":"2026-04-15T16:38:27","slug":"klage-beim-finanzgericht-was-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weberlaw.de\/de\/klage-beim-finanzgericht-was-tun\/","title":{"rendered":"Klage beim Finanzgericht \u2013 was tun? [\u2026]\u00bb"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Klage beim Finanzgericht \u2013 was tun?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Die Klage wird beim Finanzgericht fristgerecht eingereicht. Das Finanzgericht schweigt aber zum Finanzgerichtsverfahren. Welche Rechte hat der Kl\u00e4ger in solchen F\u00e4llen? Und was hat er zu beachten? Nachfolgend wird die rechtliche Situation des Kl\u00e4gers in solchen F\u00e4llen kurz skizziert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist leider kein au\u00dfergew\u00f6hnlicher finanzgerichtlicher Vorgang in Deutschland, dass das Finanzgericht seit der Einreichung der Klage beim Finanzgericht schlicht schweigt. Obwohl die Zahl der Klagen in der zweiten Instanz Bundesfinanzhof (BFH) in der letzten Zeit r\u00fcckl\u00e4ufig ist, ist diese Tendenz in den ersten Instanzen bei den Finanzgerichten derzeit nicht feststellbar. Die Finanzgerichte sind erstinstanzlich f\u00fcr die Klagen in Hauptsacheverfahren als auch f\u00fcr Verfahren im vorl\u00e4ufigen Rechtsschutz zust\u00e4ndig. Verfahren im vorl\u00e4ufigen Rechtsschutz nehmen die Finanzgerichte stark in Anspruch, vor allem zeitlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Hauptsacheverfahren ist oft die Situation, dass die Finanzgerichte nach dem kurzem ersten Korrespondenzaustausch seit der Einreichung der Klage zwischen den Streitparteien f\u00fcr einen Zeitraum von 1 bis 2 Jahre von der Oberfl\u00e4che verschwinden und sich erst nach Ablauf dieser Zeit mit dem Er\u00f6rterungstermin oder einem Erledigungsvorschlag melden. Es gibt Unterschiede auf der Landesebene. W\u00e4hrend in S\u00fcddeutschland zum Beispiel in Baden-W\u00fcrttemberg die Finanzgerichtsverfahren in Hauptsachen oft in 1 bis 3 Jahren als abgeschlossen gelten, ist es bei manchen Finanzgerichten in Nordrhein-Westfalen oder in Hessen manchmal nicht der Fall.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Unangemessene Verfahrensdauer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr solche F\u00e4lle, wenn Verfahren zu lange dauern, wurde durch die Einf\u00fchrung des \u00a7 155 Satz 2 FGO f\u00fcr den Kl\u00e4ger ein Entsch\u00e4digungsanspruch geschaffen, der ihm nach \u00a7 198 EVG daf\u00fcr entsch\u00e4digen soll, dass die angemessene Verfahrensdauer \u00fcberschritten wird. \u00a0Gem\u00e4\u00df \u00a7 155 Absatz 2 i. V. m. \u00a7 198 Absatz 1 Satz 1 GVG hat der Kl\u00e4ger Anspruch auf angemessene Entsch\u00e4digung, der infolge unangemessener Dauer eines Gerichtsverfahrens als Verfahrensbeteiligte einen Nachteil erleidet. Die Umst\u00e4nde des Einzelfalls bestimmen, was eine unangemessene Verfahrensdauer ist. Insbesondere kommen die Schwierigkeit und Bedeutung des Verfahrens einerseits, und das Verhalten der Verfahrensbeteiligten und Dritter andererseits in Betracht (vgl. BFH, Urteil v. 09.04.2014- X K 10\/13, BFH\/NV 2014, 1393).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der BFH pr\u00fcft zuerst, ob die Verfahrensdauer unangemessen war. Der Begriff \u201eunangemessen\u201c ist ein unbestimmter Rechtsbegriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Drei Phasen des Ablaufs des Gerichtsverfahrens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Ablauf des Gerichtsverfahrens teilt der BFH in drei Phasen ein (vgl. BFH. Urteil v. 7.11.2013- X K 13\/12, BStBl. II 2014,179):<\/p>\n<ul style=\"text-align: left;\">\n<li>1) Die Beteiligten reichen Schrifts\u00e4tze ein und tauschen sie durch das Gericht aus. Das Gericht agiert lediglich als Weiterleiter der Schrifts\u00e4tze.<\/li>\n<li>2) Gerichtsorganisatorisch wird das Verfahren stillgelegt, weil der zust\u00e4ndige Berichterstatter beziehungsweise der Senat wegen der Arbeit an anderen Verfahren das Verfahren nicht bearbeiten kann.<\/li>\n<li>3) In dieser dritten Phase trifft das Gericht die Ma\u00dfnahmen, die das Verfahren einer Entscheidung zuf\u00fchren sollen. Hier erfolgen oft gerichtliche Anfragen oder Ermittlungshandlungen an die Streitparteien.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: left;\">Der BFH geht f\u00fcr den Regenfall von etwa 24 bis 30 Monaten als angemessene Verfahrensdauer aus (vgl. BFH, Urteil v. 09.04.2014- X K 10\/13, BFH\/NV 2014, 1393). Die Dauer des Verfahrens ist nach der BFH-Rechtsprechung grunds\u00e4tzlich angemessen, wenn das Gericht gut zwei Jahre nach dem Eingang der Klage mit Ma\u00dfnahmen beginnt, die das Verfahren einer Entscheidung zuf\u00fchren sollen, und die damit begonnene dritte Phase des Verfahrensablaufs nicht durch nennenswerte Zeitr\u00e4ume unterbrochen wird, in denen das Gericht die Akte unbearbeitet l\u00e4sst (vgl. BFH, Urteil v. 6.4.2016- X K 1\/15, BStBl. II 2016,694).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Empfehlungen zum Vorgehen wegen unangemessener Verfahrensdauer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ist der Kl\u00e4ger der Auffassung, dass ein Teil der Verfahrensdauer unangemessen war, und will er daf\u00fcr eine Geldentsch\u00e4digung verlangen, muss er unbedingt eine Verz\u00f6gerungsr\u00fcge, und zwar im Ausgangsverfahren, das hei\u00dft im Finanzgerichtsverfahren, gem\u00e4\u00df \u00a7 198 Abs. 3 Satz 1 GVG erheben. Die Verz\u00f6gerungsr\u00fcge kann erst erhoben werden, wenn Anlass zur Besorgnis besteht, dass das Verfahren nicht in einer angemessenen Zeit abgeschlossen wird (\u00a7 198 Abs. 3 Satz 2 GVG). Bei der Erhebung der Verz\u00f6gerungsr\u00fcge ist damit auszuf\u00fchren, warum Anlass zur Besorgnis besteht. Hier sind dann die Ausf\u00fchrungen zur unangemessenen Verfahrensdauer zu erfolgen. Die erneute Verz\u00f6gerungsr\u00fcge als Wiederholung ist m\u00f6glich und zwar fr\u00fchestens sechs Monaten nach der Erhebung der ersten Verz\u00f6gerungsr\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Verz\u00f6gerungsr\u00fcge wirkt nach der BFH-Besprechung nur f\u00fcr einen Zeitraum von 6 Monaten zur\u00fcck (vgl. BFH, Urteil v. 6.4.2016- X K 1\/15, BStBl. II 2016,694). Wenn zum Beispiel der BFH feststellt, dass der unangemessene Teil der Verfahrensdauer 15 Monate war, aber der Kl\u00e4ger die Verz\u00f6gerungsr\u00fcge lediglich im 8 Monat dieses Teils erhoben hat, kann der Kl\u00e4ger erst ab dem 8 Monat und somit nur f\u00fcr 8 Monate Geldentsch\u00e4digung verlangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Deswegen ist es ratsam, bereits nach circa 1, 5 bis 2 Jahren des Gerichtsverfahrens, eine Verz\u00f6gerungsr\u00fcge zu erheben, damit sie Ihre Wirkung f\u00fcr Zukunft und auch f\u00fcr die Vergangenheit in den letzten 6 Monate entfaltet, wobei sich der Erhebungszeitpunkt in jedem Verfahren stark variiert. Taktisch ist es sinnvoll, zun\u00e4chst einmal nach Ablauf von 1, 5 bis 2 Jahren, wenn vom Gericht keine Ma\u00dfnahmen der dritten Phase absehbar sind, erstmal eine schriftliche Sachstandsanfrage zum Stand des Gerichtsverfahrens an das zust\u00e4ndige Finanzgericht zu richten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn das Gericht schweigt, was leider oft zutrifft, ist als zweiter Schritt die Erhebung der Verz\u00f6gerungsr\u00fcge dringend in Betracht zu ziehen. Die Hypothese, die manche Autoren vor allem aus der Justiz vertreten, dadurch das Verfahren unn\u00f6tigerweise mit dem Gericht eskalieren zu lassen, kann der Autor in den heutigen Zeiten nicht nachvollziehen. Denn die Dauer des Verfahrens zum Beispiel von 5 Jahren ohne Absehbarkeit des Abschlusses der zweiten und dritten Phase hat mit dem Rechtsstaat nach Art. 20 Abs. 3 GG nichts mehr zu tun, so dass Erhebung einer Verz\u00f6gerungsr\u00fcge nicht nur geboten, sondern dringend erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Geldentsch\u00e4digung betr\u00e4gt gem\u00e4\u00df \u00a7 198 Abs. 2 Satz 3 GVG grunds\u00e4tzlich 1.200,00 \u20ac f\u00fcr jedes Jahr der Verz\u00f6gerung. Sie kann auch zeitanteilig nach Monaten bemessen werden, das hei\u00dft 100,00 \u20ac im Monat. Wenn die Ehegatten im Ausgangsverfahren zum Beispiel Verz\u00f6gerungsr\u00fcge erhoben haben, dann steht dieser Entsch\u00e4digungsanspruch jedem Ehegatten gesondert zu (vgl. BFH, Urteil v. 06.11.2024 \u2013 X K 1\/24). Das hei\u00dft, jeder Ehegatte kann 1.200,00 \u20ac j\u00e4hrlich verlangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Soweit der Kl\u00e4ger einen Anspruch auf Geldentsch\u00e4digung hat, besteht auch zus\u00e4tzlich ein Anspruch auf Prozesszinsen. Die H\u00f6he des Prozentsatzes betr\u00e4gt f\u00fcnf Prozentpunkte \u00fcber dem Basiszinssatz gem\u00e4\u00df \u00a7 291 Satz 2 BGB i V. m. \u00a7 288 Abs.1 Satz 2 BGB (vgl. BFH, Urteil v. 06.11.2024 \u2013 X K 1\/24).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach \u00a7 155 Satz 2 FGO ist f\u00fcr dieses Verfahren im Rahmen der Entsch\u00e4digungsklage der BFH als einzige Instanz zust\u00e4ndig, und die Klage ist gegen das Bundesland, dessen Finanzgericht betroffen ist, zu richten (vgl. BFH, Beschluss v. 20.10.2014 &#8211; X K 3\/13). Wenn zum Beispiel das Gerichtsverfahren bei dem Finanzgericht Baden-W\u00fcrttemberg unangemessen lange gedauert hat, ist der Beklagte beim BFH das Bundesland Baden-W\u00fcrttemberg. Es besteht Vertretungszwang, die Entscheidung durch Einzelrichter ist nicht m\u00f6glich. Daf\u00fcr sind die PKH-Antr\u00e4ge m\u00f6glich. Dabei ist der BFH als erstinstanzliches Tatsachengericht zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Finanzgericht kann man zum Ablauf und vor allem zu der Dauer des Verfahrens nicht zwingen, auch wenn einige Jahre seit der Erhebung der Klage vergangen sind. Allerdings kann der Versuch durch die Sachstandsanfrage und gegebenenfalls die Erhebung der Verz\u00f6gerungsr\u00fcge unternommen werden, das Verfahren in zeitlicher Hinsicht nach Ablauf bestimmter Zeit zu beschleunigen. Die angemessene Geldentsch\u00e4digung bleibt der letzte Trost f\u00fcr den Kl\u00e4ger.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Weitere Informationen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dank unserer Fachexpertise im\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/www.weberlaw.de\/de\/kompetenz\/steuerstreitrecht\/\">Steuerstreitrecht<\/a><\/strong>\u00a0publizieren wir in den renommierten Fachzeitschriften wie\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/datenbank.nwb.de\/Ausgaben\/7KT54KUPEH\/2026\/9\/\">NWB \u2013 Steuer- und Wirtschaftsrecht<\/a>\u00a0<\/strong>und\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/stbpdigital.de\/kurzportrait.html#\">StBp Die Steuerliche Betriebspr\u00fcfung<\/a><\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nachfolgend ist ein kleiner Auszug der von uns verfassten aktuellen Publikationen zu finden:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><a href=\"https:\/\/www.weberlaw.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Gemeinsame-koordinierte-Aussenpruefung-mit-Steuerverwaltung-fremder-Staaten-StBP-12-2025-1.pdf\">Gemeinsame koordinierte Au\u00dfenpr\u00fcfung mit Steuerverwaltung fremder Staaten\u201c StBp Die Steuerliche Betriebspr\u00fcfung 12\/2025, S.404<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><a href=\"https:\/\/datenbank.nwb.de\/start\/showdoi\/?doi=SAAAJ-99084&amp;starter=autoren&amp;date=20260316&amp;sig=uFVu0gWIis72xACelVvMOGDHPcKtr4mkwxJWwABMgAD5LXbvUscTRYebZb5xJT2KmL0xm22eOGlADJqORG6zEQ\">\u201ePraxisrelevante Rechtsprechung zur Au\u00dfenpr\u00fcfung im Jahr 2024, Teil 1:\u201c NWB Steuer- und Wirtschaftsrecht 37\/2025, S.2540-2550<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weitere Fachbeitr\u00e4ge finden Sie in unseren\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/www.weberlaw.de\/de\/publikationen-steuerrecht-strafrecht\/\">Publikationen:<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><a href=\"https:\/\/www.weberlaw.de\/de\/publikationen-steuerrecht-strafrecht\/\">Publikationen Weber Recht Steuern Ettlingen I Karlsruhe<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch oder bei akuten Fragestellungen k\u00f6nnen Sie jederzeit mit uns <strong><a href=\"https:\/\/www.weberlaw.de\/de\/kontakt-weber-i-recht-steuern-kanzlei-ettlingen-karlsruhe\/\">Kontakt<\/a><\/strong><span tabindex=\"0\" role=\"button\" data-url=\"https:\/\/www.weberlaw.de\/de\/kontakt-weber-i-recht-steuern-kanzlei-ettlingen-karlsruhe\/\" aria-label=\"Kontaktformular, dadurch gelangen Sie zu www.weberlaw.de\">, auch\u00a0per E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:kw@weberlaw.de\"><strong>kw@weberlaw.de<\/strong><\/a>\u00a0aufnehmen<\/span>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klage beim Finanzgericht \u2013 was tun? 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